FUERTEVENTURA – DAS ZERSTÖRTE PARADIES?
12.09.2008
Die Landung mit dem Charterflugzeug ist unsanfter als die
anderen Male zuvor. Doch der Blick bleibt immer der gleiche: Raus aus dem
Fenster, weit hinaus über die faszinierende Landschaft der einstmaligen Perle.
Die Weite der Insel ist schon aus dem Flugzeug erahnbar. Endlich gelandet, raus
in die Freiheit, die ich schon vor Jahren erlebte und schätzte. Es ist eine
wahrhaftige ENDLOSIGKEIT.
Der Wagen steht schon vor der Tür, vor der Ankunftshalle des Flughafengebäudes.
Aber ich nehme mir noch Zeit, diese Luft, frisch und warm, geradezu erlösend,
einzuatmen. Dann die Fahrt auf einer Schnellstrasse, die gebaut wurde, um die
Transferzeit in den Süden zu verringern. Gleich neben der neuen Strecke liegen
Teilstücke der alten, fast brach und niemand biegt ab. Im Schatten der Berge
gleite ich dahin und freue mich schon auf die Costa Calma, La Pared und auf die
Wanderdünen auf dem Weg nach Morro Jable. In Calete del Fuste wurde ich
erstmalig stutzig. Die Bautätigkeit hatte mir offenbart, dass die Inselregierung
einen weiteren Schritt zum Billigziel und zum Massenpodukt getan hatte.
Auf dem Weg links und rechts immer neue Bauten, neue Schutthalden, Zeichen von
Zerstörung. Mittendrin aber auch dieses nicht zu zerstörende Licht, die
Weichheit, das Wohlgefühl beim Blick über die fast endlose Landschaft. Eine
Menge Kreisel sind neu. Später erfahre ich, dass es sinnvolle Einrichtungen
sind, denn es hatten sich zu viele Menschen auf den Strecken und vor allem an
Kreuzungen der Strassen der Insel totgefahren.
An der Costa Calma scheint zunächst alles alt – bis ich auf dem Parkplatz zu
meinem Traumbungalow vorfahre. Zwischen dem unverbaubaren Bungalows und dem
Strand haben sie tatsächlich die schlimmste aller Sünden begangen. Da stehen
nunmehr Hotels, deren Architekten wirklich eine schlimme und schwere Kindheit
gehabt haben müssen.
Doch zunächst Ankunft in den schönsten Bungalows der Welt. Mit einem
Wohn-Essbereich, der angenehmer kaum sein kann. Ein schöner Innenhof schliesst
sich an, ein eigener kleiner Pool, von dem aus man seine Freunde, seine Frau
oder sogar seine Hund beim Duschen beobachten kann. Das ist der kleine Luxus,
der das Leben sinnlich und schön macht. Gleich hinter dem Patio liegen die
Schlafzimmer, passend für 4 Personen, wir sind aber nur zu zweit. Augenblicklich
stellt sich Urlaub ein, sofort ist dieses Wohlgefühl der Erinnerung eingekehrt
und beseelt den ganzen Körper. Willkommen zu Hause!
Wandeln zwischen Traum und Trauma
Zum Aufwärmen und auch Wassertesten fahre ich zur Wanderdüne., besser gesagt,
zur gewesenen Wanderdüne. Man kann die beiden Dünen nur noch erahnen. War es der
Mensch, der hier in die Natur eingriff oder aber die Natur selbst, die diese
Dünen hat verschwinden lassen. Später werde ich mich erkundigen.
Die Abzweigung ist jetzt professionell eingerichtet, damit auch ausreichend
viele Menschen dort hinkommen und die Mietwagen nicht mehr im Sand stecken
bleiben. Also auch hier, in dieser sensiblen Sandzone, haben sie eine Strasse
gebaut und diese auch geteert. Das Teerband sieht aus wie eine deutlich
sichtbare Narbe, die diese so wunderschöne Landschaft völlig entstellt. Das
freut den Urlauber und den Budenbesitzer, der fettige Pommes verkauft und
unfreundlich ist. Zusätzlich ist praktisch jeder Zentimeter Sand auf 300 Metern
belegt. Erst weiter hinter den ehemaligen Wanderdünen in Richtung Morro Jable
findet man Ruhe vor Rentnern und Kinder, vor hängendem Fleisch und verbrannter
Haut. Früher gab es hier nur einige Surfer. Aber diese Zeiten sind eindeutig
vorbei.
Das Wasser ist dreckig vom Sturm, der hier gewütet hat, Abfälle der Urlauber
schwimmen im Meer. Und trotzdem ist die Abkühlung gut, ist das Salz auf der Haut
doch schön. Und sogar die Wellen sind an diesem Tag auf dieser Seite der Insel
ein Erlebnis. Nach zwei Stunden Sonne ist das Vergnügen allerdings vorbei, denn
die Sonne brennt mächtig, so kurz vor Weihnachten.
Auf dem Weg nach Morro Jable, dort wird abendgegessen, weitere Katastrophen.
Alles, ganz einfach alles wird bebaut. Die Krönung aber ist die neue Autobahn,
die auf riesigen Pfeilern die ehemals fast unberührte Natur der Insel
durchquert, zerschneidet und brutal aufbricht. Fast irreparable Schäden, die
auch in zwanzig oder dreissig Jahren nicht gutzumachen sind. Die Natur braucht
hier länger als in anderen Teilen der Welt, Zeit zur Erholung, Zeit für den
natürlichen Heilungsprozess. Man kann sich ausmalen, wie die Busse mit den
Billigreisenden über die entstandene Piste rasen.
Man versteht augenblicklich, was sich hier abspielt: man sucht nach Urlaubern,
nach Devisen und Mehr. Dabei dient das alles nur dem Ziel, EU-Fördergelder zu
verbauen, die den kanarischen Inseln seit Jahren gezahlt werden, weil Spanien
der EU-Osterweiterung sonst nicht zugestimmt hätte. Die ehemaligen
Staatsoberhäupter haben versagt, nicht nur während der Tankerkatastrophe, nein,
auch in diesem Falle haben sie ihre umweltpolitische Verdunklung offenbart.
Schade für die Umwelt, aber wer interessiert sich schon dafür.
Wo bleibt die umweltplanerische Weitsichtigkeit. In diesem Teil wirkt die Insel
hässlich, öde, langweilig und kaputt. Die neu entstandenen Hotels und Anlagen
wurden genauso wenig der Landschaft angepasst wie das, was vorher da war. Nur,
das was vorher da war, hat damals kaum gestört. Nunmehr präsentiert sich der
Süden der Insel wie die Costa Brava oder Mallorca an ihren schlimmsten Stellen.
Man hat aus den Sünden der anderen nichts, überhaupt nichts gelernt.
Dann Morro Jable, der kleine Fischerort am Ende der Welt. Aber auch vor dieser
Oase hat man den Boom nicht stoppen können. Schön ist die neue Promenade, die
man zwischen den Hotels des grossen Strandes und dem Ort baute. Den Ort Morro
Jable kann man kaum beschreiben. Überall Geschäfte, Banken, Restaurants und die
Einwohner hat man in die Peripherie des Ortes umgesiedelt. Dort wohnen sie
heute, mit wenigen Ausnahmen, in unpersönlichen, unschönen Wohnblocks, fast wie
in einem Ghetto. Morro Jable selbst, kaum Parkplatz und nur schmale Strassen,
riecht wie eine normale Stadt Europas zur Rushhour. Am Abend wird es von den
hungrigen Urlaubern, wenn sie nicht in ihren Billig-Anlagen hocken und dem all-
inclusiv frönen, überrannt.
In einem kleinen Restaurant an der Promenade, aber immerhin am Strand, finden
wir einen Platz. Man kann wählen zwischen Wiener Schnitzel und Morro Fisch. Wie
früher, der Charme der Szenerie hat hier nicht nachgelassen.
Am nächsten Tag La Pared, der sehnsüchtig machende Ort mit den Wellen, die jedes
Jahr unzählige Urlauber verschlingen. Und dennoch: Ich muss dorthin, immer
wieder, um das Wasser um mich zu haben und den Hauch der Ruhe zu erleben, der
der Insel schon immer die besondere Note gab. Der Strand ist nach wie vor
unverändert, einfach klasse. Perfekt fürs Wellenreiten und Boogie Boarden. Hat
man erst einmal die perfekte Welle erwischt, ist das Treiben in den Wellen
göttlich und die Sonne verhilft einem zu einem perfekten Tag.
Im Norden präsentiert sich das gleiche Bild wie im Süden. Auch hier, rund um und
auch in Corralejo wurde gebaut. Woher die Gelder kamen, mag dahin gestellt sein.
Ob es EU-Gelder oder Investitionen spanischer Banken oder privater Bauherren
waren, ändert nichts an der Tatsache, dass alles sehr ruinös wirkt und vor allem
deplaciert.
Sie wirken genauso deplaciert, wie die beiden grossen Hotels, die man ohne jede
Überlegung in das Naturschutzgebiet baute. Auch hier bleibt die Frage offen, wo
die grossen, einfallsreichen und bedeutenden spanischen Architekten und deren
Einfluss oder die Baukultur der Kanaren bleiben. Die Antwort kann nur lauten:
Auf der Strecke. Hier herrscht Chaos, Billig-Reisen-Atmosphäre, und schnell
verabschieden wir uns, indem wir sagen Tschüss.
In Cotiilo und Ajuy ist fast alles toll, wenn man die halbfertige Urbanisation
Cotillos vergisst, die ja auch nicht weiter gebaut werden soll. Auch hier hat
die Natur grosse Wunden. Aber die Wellen, das auftosende Meer und die
Regenbogen, die sich einstellen, spritzt eine Welle besonders hoch, das sind
Momente, die haften bleiben. Das ist die Erholung, die Fuerteventura immer noch
bietet.
Und dann Cofete, ganz im Süden, noch immer eine stille Oase. Hier hat man den
Strand fast für sich allein, denn überall ist Cofete für sein kräftiges Meer und
die bösen Wellen bekannt, und das hält die Touris ab. Hoffentlich asphaltiert
man die Strasse nicht, denn sonst würde sicherlich auch hier Massentourismus
entstehen.
Die Villa Winter, Relikt aus vergangenen Zeiten, lockt nicht genug Leute an,
Cofete bleibt also friedlich.
Weihnachten und auch Silvester vergehen glücklich und ohne Überschwang, der
Insel entsprechend. Es sind irgendwie ganz normale Tage, die auf der Insel,
trotz allem, fast wie ein Traum vorbeigehen.
Vielleicht machen die Politiker, die Inselplaner und auch die Tourismus-Manager
ja doch alles richtig: Indem sie bewusst den gesamten Osten der Insel zerstören
und Millionen von sonnenhungrigen Menschen das Billigerlebnis des
Massentourismus auf Fuerteventura ermöglichen, lassen sie den Westen und das
Landesinnere weitgehend unberührt. Weitgehend.
Abschied. Und wieder waren es sonnenverwöhnte, erholsame Tage, begleitet von der
samtigen Luft, dem kristallklaren Wasser des Atlantiks und dem einmaligen Klima
der Insel. Die Insel war früher Magie, auch wenn sie heute ganz schön Maggi ist.
Aber was soll´s: Ein zerstörtes Paradies bleibt trotzdem eins. Auf jeden Fall in
der Pared und Cofete.
Beitrag eines nach Jahren zurückkehrenden Anhängers der Insel Fuerteventura